Seit 1989 ist der „Waldhägenich“ bei Bühl und Ottersweier ein Natur- und Landschaftsschutzgebiet. Das 547 Hektar große Areal war im Wandel der Zeit immer wieder Veränderungen ausgesetzt.

Ende des 18. Jahrhunderts war der Waldhägenich, von wenigen kleinen Äckern und Waldflächen abgesehen, eine große, zusammenhängende, oft überschwemmt und damit feucht Wiesenlandschaft, die überdies nur Heu von minderer Qualität brachte.

Tiefgreifende Wasserbaumaßnahmen in den 1960er Jahren und der Strukturwandel in der Landwirtschaft weg von der Viehhaltung und hin zum Ackerbau haben in Verbindung mit einer Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung grundlegende Veränderungen mit sich gebracht. Der Pflanzen- und Artenreichtum ging rapide zurück, der Lebensraum vieler dort vorhandenen Arten war massiv bedroht.

Dieser Entwicklung soll mit der Ausweitung zum Natur- und Landschaftsschutzgebiet entgegen gewirkt werden. Auf drei unterschiedlichen Rundwegen kann die Natur im Waldhägenich heute beobachtet werden.

Quelle: Wanderkarte durch den Waldhägenich, Stadt Bühl

Auf Grund des abwechslungsreichen Reliefs bestand dieses Gebiet in der Kinzig-Murg-Rinne ursprünglich aus zusammenhängenden Erlen- und Eichen-Hainbuchenwäldern. Durch zunehmenden Nutzungsdruck kam es zu Rodungen und zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Die höher gelegenen, trockeneren Bereiche dienten als Ackerland, die zusammenhängenden nassen und feuchteren Senken als Heu- und Feuchtwiesen. „Da bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Bewirtschaftungsweisen extensiv waren, boten die blütenreichen Wiesen, unter anderem mit Pfeifengras und Großem Wiesenknopf, vielen Insekten und Wiesenbrütern einen Lebensraum“, berichten Achim Schick, der Leiter des Amtes für Naturschutz im Landratsamt Rastatt und Mitarbeiterin Julianna Ranzmeyer.

Durch technische Neuerungen und zunehmende Versiegelung in den angrenzenden Siedlungen kam es ab Mitte der 50er Jahre zu großen Eingriffen mit schwerwiegenden Konsequenzen. Viele Bäche wurden begradigt und dienen seither als Flutkanäle. Ein großes Rückhaltebecken mit Pappelforsten wurde eingerichtet. Die feuchten Senken wurden entwässert, was eine stärkere Ackernutzung und eine Intensivierung der Bewirtschaftungsformen ermöglichte.

Nicht alle Bewohner des „Waldhägenich“ kamen mit diesen Maßnahmen zurecht. Um den negativen Trend aufzuhalten, wurde der „Waldhägenich“ zum Natur- und Landschaftsschutzgebiet erklärt. Des Weiteren wurde die „Naturschutzstiftung Waldhägenich“ gegründet, die aus Vertretern der Stadt Bühl und Ottersweier sowie Naturschutzverbänden und Arbeitgruppen besteht. Mittlerweile wurden von der Unteren Naturschutzbehörde und der Naturschutzstiftung mehr als 100 Hektar Grünlandflächen unter Vertrag genommen, die über Landes- und Stiftungsmittel finanziert werden. Durch Extensivierungsverträge kam es zur Umwandlung von Ackerflächen in Wiesen.

Aktuell ist der Anteil der Wiesen wieder relativ groß, welche zum Teil auch als sogenannte FFH-Mähwiesen (Fauna-Flora-Habitat), wie „Bruch bei Bühl und Baden-Baden, nach EU-Recht eine besondere Be-deutung haben. „Man kann wieder Vögel, wie etwa Bussard und Turmfalke, sowie andere Tiere wie Bienen, Hummeln und Schmetterlinge beobachten“, berichtet Ranzmeyer. Hierbei kommt zwei bestimmten Schmetterlingsarten eine besondere Bedeutung zu, dem Hellen und dem Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Deren Raupen sind auf das Vorkommen des Großen Wiesenknopfes als Futterpflanze und an bestimmte Ameisen für die Entwicklung angewiesen. Auch im „Waldhägenich“ kommen diese Arten vor, weshalb nach FFH-Richtlinie die Lebensstätten erhalten werden müssen.

Neben den Wiesen und Äckern gibt es auch Waldbereiche. Hiervon sind das Breithurster Wäldchen und der Riedwald bei Balzhofen naturnah belassen. Der größte Waldanteil jedoch besteht aus aufgeforsteten Pappeln. Besonderheiten in den Waldbereichen sind zum einen eine große Graureiher-Kolonie, zum anderen ein Märzenbecher-Vorkommen. Diese kleine weiß blühende Pflanze, welche vom Aussterben bedroht ist und der intensiven Pappelwirtschaft standgehalten hat, muss weiter um ihren Bestand kämpfen, da durch Sturm Lothar lichte Schneisen entstanden sind, welche dominantere Pflanzen begünstigen, die den Märzenbecher verdrängen.

Weitere typische, aber auch seltener werdende Bestandteile sind hochstämmige Streuobstwiesen und alte Obstbäume. Diese Strukturen sind nicht nur ökologisch hochwertig, sondern auch ein wertvolles Kulturgut. Sie dienen als Nahrungsquellen, bieten Brut-, Nist- und Aufzuchtstätten und beherbergen auf Grund ihres hohen Alters viele Höhlen für Höhlenbewohner. Erfreulich ist, so Ranzmeyer, dass der Steinkauz wieder im Waldhägenich brütet, nachdem er in der 90er Jahren als Brutvogel verschwunden war.

Auch wenn der land- und forstwirtschaftliche Nutzungsdruck nicht mehr so hoch ist wie noch vor einigen Jahren, ist der Besucherandrang nicht zu unterschätzen. So mussten die beiden Hägenichseen umzäunt werden und Besucher erhalten nur noch einen Blick aus der Ferne durch eine Sichtwand auf das Wasser, da trotz Infotafeln und Badeverbot der See als Badesee genutzt wurde und dadurch störungsempfindliche Tierarten verdrängt wurden.

Durch den „Waldhägenich“ führen viele Wege, geteerte, unbefestigte und welche, die nahezu wieder zugewachsen sind. Dieses Wegenetz lädt Erholungssuchende und Hundebesitzer zu einem attraktiven Spaziergang ein. „Man sollte dabei nur nicht vergessen, dass auch das eine Störung für empfindliche Arten sein kann“, geben die Fachleute der Naturschutzbehörde zu bedenken. Gerade die eingewachsenen Wege sollten zum Schutz der Wiesenbrüter gemieden werden. Vor allem auch, um ihnen eine Chance der Rückkehr in den „Waldhägenich“ zu geben. Der Große Brachvogel, eigentlich das Wahrzeichen des „Waldhägenich“, aber auch andere Wiesenbrüter sind leider verschwunden.

Seit 17 Jahren ist Joachim Doll im Auftrag der Naturschutzstiftung als Schutzgebietsbetreuer tätig und bietet unter anderem Führungen, vor allem für Schulklassen, an. Durch vielfältige Formen der Öffentlichkeitsarbeit sollen die Besucher auf die Besonderheiten im „Waldhägenich“ aufmerksam gemacht und sensibilisiert werden.

Wanderkarte der Stadt Bühl „Durch den Waldhägenich

Quelle: Landkreis Rastatt